Zögere nicht! Werde aktiv!


1. Einleitung

Menschen mit Behinderungen stehen oft einer Vielzahl von Herausforderungen und Schwierigkeiten gegenüber, die von mangelnder Infrastruktur bis hin zu sozialer Ausgrenzung reichen. Das Ziel von Inklusion ist es, auf eine Welt hinzuarbeiten, in der Menschen mit Behinderung ein selbstverständlicher Teil einer vielfältigen Gesellschaft sind. Dieses Ziel vor Augen wird deutlich, wie wichtig es ist, dass den Stimmen behinderter Menschen Gehör verschafft wird und das Bewusstsein für die Situation von Menschen mit Behinderung gestärkt wird. Das braucht sowohl die Selbstvertretung behinderter Menschen, aber auch Verbündete in allen Teilen der Gesellschaft.

Mit diesem vierten Selbstlernmodul wollen wir junge Menschen mit und ohne Behinderungen sowie DARE-Botschafterinnen und DARE-Botschafter (Digitales DARE Handbuch für Empowerment, 2020, S. 18) darin bestärken, sich aktiv für die Belange junger Menschen mit Seh-, Hör- und Körperbehinderungen einzusetzen. Wichtige Themen dieses Moduls sind „Advocacy“ (eng. Fürsprache, Anwaltschaft, Interessenvertretung) und die damit verbundenen Prozesse sowie auch Self-Advocacy, also das Einstehen für die eigenen Interessen.

Am Ende dieses Moduls wirst du:

  • mehr über den Advocacy-Ansatz und die verschiedenen Arten der Interessenvertretung wissen;
  • möglicherweise selbst darüber nachdenken, als Verbündete*Verbündeter aktiv zu werden;
  • mehr darüber erfahren, wie junge Menschen mit Behinderung befähigt und unterstützt werden können, für sich selbst einzutreten (Self-Advocacy).

2. Was ist Advocacy?

Das Wort „Advocacy“ (Wikipedia, 2021) stammt vom lateinischen Wort advocate ab, was so viel bedeutet wie “Fürsprache” oder “sich für jemanden einsetzen“. Es beschreibt verschiedene Aktivitäten im gesellschaftlichen und politischen Leben, die oft mit der Vertretung von Interessen unterrepräsentierter Gruppen zu tun haben.

Jeder Mensch hat das Recht, gleich behandelt zu werden, aber bestimmte Faktoren (u.a. Geschlecht, sozialer Status, Herkunft, Religion, Alter, Behinderung) können dazu führen, dass Menschen/Gruppen in der Gesellschaft benachteiligt oder diskriminiert werden. Wenn das passiert, melden sich manchmal Gruppen oder Vertreter*innen der diskriminierten Menschen/Gruppen zu Wort, um an die Anerkennung und Achtung der Rechte dieser Gruppen zu erinnern und diese einzufordern (Waliuya, 2010, S.7). Wenn Menschen im Interesse anderer, oft nicht gehörter Menschen/Gruppen ihre Stimme erheben, bezeichnet man das mit dem englischen Begriff Advocacy.

Quelle: PIXABAY

Im Rahmen dieses Moduls wollen wir uns mit Advocacy (=Interessenvertretung) im Zusammenhang mit Inklusion und den Rechten behinderter Menschen beschäftigen. Es gibt verschiedene Bereiche, in denen Interessenvertretungen beschäftigen aktiv sind, so, so z.B.:

  • Rechtsbeistand: z. B. juristische Fachleute (u.a. Anwält*innen) kämpfen mit Politiker*innen oder Organisationen im Interesse benachteiligter Person um deren Rechte.
  • Soziales Engagement: Befürworter*innen oder Verbündete sind Menschen, die sich für die Rechte anderer einsetzen, indem sie ihnen ihre Stimme geben, sich öffentlich an ihre Seite stellen und gesellschaftliche Veränderungen mitgestalten.

Es kann des Weiteren auch zwischen verschiedenen Formen von Advocacy unterschiedenen werden (VMI, 2017, Übersetzung und Anpassung durch die Verfasser):

Bürgerliche Interessenvertretung: Diese Art von Advocacy ist am meisten verbreitet. Bürger*innen engagieren sich in ihrem Umfeld oder ihrer Gemeinde ehrenamtlich z. B. für die Rechte einer behinderten Person oder einer Gruppe behinderter Menschen. Hier geht es um die Sensibilisierung der Gemeinschaft für die Rechte und Interessen dieser Menschen, aber auch um das Sammeln von Unterstützung (z. B. Geld, Menschen) oder die langfristige Begleitung einer Person als Verbündete*r.

Kollektive Fürsprache: Hier finden sich verschiedene Verbündete zu einer Gruppe zusammen, z. B. Organisationen, Verbände. aber auch Einzelpersonen, die sich dann für ein gemeinsames Ziel einsetzen. Als Gruppe sind die Verbündeten natürlich noch mal stärker, so dass sie mehr beeinflussen und erreichen können.

Individuelle Fürsprache: Individuelle Fürsprecher*innen oder Verbündete sind oft auf einer Eins-zu-Eins-Basis aktiv. Sie begleiten und unterstützen einen Menschen mit Behinderung und achten auf diskriminierende Situationen, die sie dann ansprechen, anzeigen und laut machen.

Selbstvertretung; auch Self-Advocacy (Inklumat, N/A) genannt: Hier sprechen Menschen mit Behinderung für sich selbst, um persönliche, rechtliche, soziale oder politische Ziele zu erreichen und die eigenen Rechte zu vertreten.

Systemische Interessenvertretung: Hier geht es um langfristige gesellschaftliche Veränderungsprozesse, die zur Verbesserung der Situation von Menschen mit Behinderungen beitragen und ihre Rechte und Interessen grundlegend stärken sollen. Diese Aktivitäten richten sich insbesondere an Gesetzgebungsorgane, die Politik, Entscheidungsträger*innen sowie an Praktiker*innen.

2.1 Warum ist Advocacy wichtig?

Es ist für Menschen mit Behinderungen wichtig, Fürsprecher*innen und Verbündete zu haben, die sie dabei unterstützen, für ihre Rechte auf Würde, Mitbestimmung sowie selbstbestimmtes Leben einzustehen. Eigentlich gewährt die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-Behindertenrechtskonvention, N/A) Menschen mit Behinderungen bereits alle diese Rechte. Allerdings gibt es eine Vielzahl wirtschaftlicher, sozialer, umweltbedingter und auch auf Haltung basierender Faktoren, die diese Rechte immer wieder infrage stellen und gefährden. Das führt dazu, dass es weiterhin viele Barrieren in der Gesellschaft gibt, die eine volle Teilhabe behinderter Menschen verhindern.

Quelle: PIXABAY

Advocacy ist ein sehr wirkungsvolles Werkzeug im Einsatz für die Rechte von Menschen mit Behinderung. Um junge Menschen zu Verbündeten zu machen, die sich aktiv für die Rechte anderer einsetzen und Veränderungen anstoßen, müssen diese zunächst grundlegende Fertigkeiten erlernen, damit sie wissen, womit genau sie anfangen können. Ein guter Anfang kann sein, sich Gedanken über die folgenden Fragen zu machen (UNICEF, 2010, Übersetzung und Anpassung durch die Verfasser):

  • Mit welchem Problem möchtest du dich beschäftigen?
  • Wer interessiert sich für dieses Thema? Wer ist die Zielperson/Zielgruppe?
  • Was können kurz- und langfristige Ziele sein?
  • Wer sind deine Verbündeten?
  • Wie sind deine Verbündeten organisiert (oder sind sie es noch nicht)?
  • Welche Macht (Einfluss) hast du/habt ihr?
  • Wer hat die Möglichkeiten oder die Macht, dir/euch zu geben, was du/ihr wollt?
  • Was sind die Stärken und Schwächen deines Teams/Organisation?
  • Welche Ressourcen hast du/habt ihr?
  • Wie können die geplanten Aktivitäten die Zielgruppe(n) unterstützen oder ihre Situation verbessern?
  • Welche Strategie eignet sich, um euren Einfluss/eure Macht zu nutzen, z. B. Social-Media-Kampagnen, Petitionen, direkte Aktionen, Boykotte, Wahlen)?
  • Welche internen/externen Hindernisse stehen im Weg? Wie kann man sie loswerden?

3. Selbstbestimmung und Empowerment

Selbstvertretung (bidok, 2010) auch Self-Advocacy genannt, bedeutet sich für sich selbst und die eigenen Interessen stark zu machen. Es bedeutet, zu wissen, was man will und braucht, und dies einzufordern. Es bedeutet auch, die eigenen Rechte und Verantwortlichkeiten zu kennen und dafür einzutreten. Mit anderen Worten, Selbstvertretung bedeutet selbstbestimmt zu Leben und die Kontrolle über das eigene Leben zu haben (Inklumat, N/A).

Quelle: PIXABAY

Bei jeder Art von Advocacy geht es darum, Gehör zu finden und die eigene Stimme zu nutzen. Viele junge Menschen mit Behinderungen haben aber Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen, wodurch es für sie nicht so einfach ist, für sich selbst einzustehen. Daher ist es wichtig, dass sie empowert werden. Self-Advocacy und Empowerment sind eng miteinander verbunden.

Verschiedene Dinge können das Selbstwertgefühl von Menschen beeinflussen. Selbst bei guten Absichten können manchmal positive Initiativen durch subtile Signale getrübt werden. Ein Beispiel dafür ist z. B. das Hervorheben besonderer Tapferkeit. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen mit einer Behinderung bei eigentlich ganz alltäglichen Dingen als Held*innen dargestellt werden: „Trotz seiner Behinderung meistert er sein Studium“. Behinderte Menschen wollen aber mit der Normalität des Lebens gesehen und nicht für alltägliche Dinge bewundert werden. Darüber hinaus stellt eine solche Darstellung die Behinderung in den Vordergrund und nicht den Menschen als z. B. Studentin, Sportler oder erfolgreiche Geschäftsfrau.

Oft werden die Geschichten von Menschen mit Behinderungen auch als Leidensgeschichten erzählt: „Sie leidet an Muskelschwund”; „Er ist an seinen Rollstuhl gefesselt“ – bereits die Wortwahl deutet auf emotionale, traurige Geschichten hin. Auch die Familien „nehmen die Last der Pflege“ manchmal auf sich und sind daher große Held*innen. Ob aber jemand aufgrund einer Behinderung leidet und ob die Versorgung eines Familienmitglieds als Last wahrgenommen wird, dass können nur die Menschen selbst beurteilen. Ein sensibler und bewusster Sprachgebrauch kann zum Bild von Menschen in der Gesellschaft und so zu ihrem Empowerment beitragen. Mehr Beispiele findet ihr im Beitrag „Tapferkeit, Leid und Heldentum: Klischees in den Medien“ (Leidmedien, 2017).

Auch Gesundheitsfachleute, Pädagog*innen und Fürsprecher*innen neigen dazu, besser zu wissen, was Menschen mit Behinderung brauchen. Auch das hat eine entmutigende Wirkung, da den Menschen die Chance genommen wird, ihre Bedürfnisse selbst zu benennen. Im Folgenden haben wir einige Tipps zusammengestellt, die zum Empowerment eurer Peers beitragen können:

  • Überlegt gemeinsam, welche Ziele erreicht werden sollen. Wichtig ist, dass diese erreichbar werden können. Es geht nicht darum, gleich die großen Dinge erreichen zu wollen, sondern in kleinen Schritten für die Rechte diner Peers einzutreten. Orientiert euch bei der Zielsetzung an den Stärken und Bedürfnissen der Person/Personen, die empowert werden sollen.
  • Sei proaktiv und zuversichtlich!
    „Ich kann das schaffen!“. Dass Peers zu dieser Überzeugung kommen, ist ein wichtiger Teil des Empowerment-Prozesses. Bestärke sie oder ihn darin, diesen Glaubenssatz anzunehmen, indem du selbst an ihre*seine Stärken und Möglichkeiten glaubst und sie*ihn mit einer positiven Haltung begleitest.
  • Tausch dich mit den Familien aus und bestärke auch sie. Manche Familien fühlen sich vielleicht selbst schwach und hilflos, weil sie zu oft gehört haben, was für ihr Kind nicht möglich ist und was es alles nicht tun und machen kann. Darum können sie ihr Kind nicht ausreichend bestärken. Als Verbündete*r der Familien aufzutreten und ihnen Möglichkeiten und Handlungsoptionen sowie positive Bestärkung zu geben ist ein wichtiger Teil wirksamer Interessenvertretung.
  • Unterstütze deine Peers im Erlernen neuer Fähigkeiten.
    Etwas Neues auszuprobieren und die Erfahrung zu machen, dass man es tatsächlich schaffen kann – das ist ein ermächtigender Prozess. Für manche mag es die Zubereitung eines leckeren Essens sein, für andere die Erstellung eines Lebenslaufs. Im Leben gibt es viel zu lernen. Unterstütze deine Peers darin, neue Dinge zu lernen und lernen zu wollen.

Übung 4.1

Titel des Moduls Modul 4: Zögere nicht! Werde aktiv!
Titel der Übung: Wurzeln und Äste
Kenncode der Übung: A4.1
Dauer der Übung 10-20 Minuten
Art des Materials Arbeitsblatt
Ziel der Übung

Das Ziel dieser Übung ist es, junge Menschen dabei zu unterstützen, sich Gedanken über ihr mögliches Engagement als Verbündete*r zu machen und zu überlegen:

  • Was sind die Ursachen dieses Problems?
  • Welche Wirkung kann mein Engagement in der Interessenvertretung haben? Wen und was muss ich berücksichtigen?
  • Welche Möglichkeiten habe ich, um mich aktiv mit den Ursachen des Problems auseinanderzusetzen?
Benötigte Materialien für die Übung
  • Materialien für Notizen, einen Stift,
  • ein digitales Gerät, z. B. Computer, Laptop oder Smartphone, Internet für die Brainstorming-Phase.
Schritt-für-Schritt-Anleitung

Schritt 1: Nimm dir ein leeres Blatt Papier und zeichne einen Baum mit Wurzeln und Ästen.

Schritt 2: Nimm dir nun etwas Zeit und denk über ein Thema nach, für das du dich gerne einsetzen willst. Es kann z. B. etwas sein, das deinen Freundeskreis betrifft, oder ein Thema/eine Problematik/Herausforderung aus deiner Nachbarschaft, deiner Schule, deiner Gemeinde, Region usw. sein. Benenne das Thema, für das du dich engagieren möchtest und schreibe es in den Stamm des Baums.

Beispielsweise kann ein solches Thema sein, das es im Zentrum deiner Stadt keine barrierefreien Toiletten gibt und behinderte Menschen, aber auch ältere Menschen daher oft vor einem Problem stehen.

Schritt 3: Nun ist es Zeit, sich über die Ursachen/Gründe Gedanken zu machen.

In deiner Zeichnung symbolisieren die Wurzeln = die Ursachen/Gründe deines Problems. Dazu gehört die Frage: „Warum gibt es dieses Problem?“

Wenn wir auf unser Beispiel schauen, dann könnte eine Ursache für das Fehlen barrierefreier Toiletten in deiner Stadt die Unwissenheit der Stadtplaner*innen sein. Und die Ursache ihrer Unwissenheit könnte Ignoranz oder aber die Tatsache sein, dass die Menschen sie nicht darauf hinweisen usw.

Scheibe alle Ursachen/Gründe, die dir einfallen oder die du rausfinden kannst (recherchiere online und sprich mit anderen Menschen), in die Wurzeln deines Baums.

Schritt 4: Nachdem du jetzt die Ursachen erforscht hast, ist es Zeit, dich mit den (Aus-)Wirkungen zu beschäftigen.

In deinem Baum werden die (Aus-)Wirkungen durch die Äste symbolisiert.

Stell dir nun die Frage, welche (Aus-)Wirkungen das gewählte Problem hat oder haben kann? Schau dabei auch darauf, wer genau davon betroffen ist und wie sich das Problem auf die Menschen/Gruppen auswirkt.

Zurück zu unserem Beispiel könnten z. B. Auswirkung sein, dass (a) Menschen mit Behinderung nicht so oft das Zentrum deiner Stadt besuchen, da sie, falls sie eine Toilette brauchen, ein Problem haben. Darum sind sie (b) wiederum im Stadtbild nicht sichtbar und (c) kein selbstverständlicher Teil der Gemeinschaft, was sich (d) wiederum auf die Stadtplanung auswirkt, denn wenn Menschen mit Behinderung nicht sichtbar sind, werden sie auch an anderen Stellen nicht mitgedacht, so dass weniger Fahrstühle, Rampen usw. geplant werden.

Schreibe deine Überlegungen und Erkenntnisse über die Auswirkungen in die Äste deines Baums.

Schritt 5: Jetzt ist dein Baum fertig und du hast einen guten Gesamtüberblick über die Ursachen und Wirkungen des gewählten Themas/Problems. Der Prozess hat dir sicher geholfen, das gesamte Anliegen noch besser zu verstehen, in einem größeren Zusammenhang zu sehen und neue Dinge herauszufinden. All das werden wertvolle Informationen bei der Planung deiner Advocacy-Aktivitäten sein.

[Diese Übung ist von der Übung “Roots and Branches” (eng. für Wurzeln und Äste) inspiriert und an das DARE Projekt angepasst worden (Council of Europe, 2016)].

Übung 4.2

Titel des Moduls Modul 4: Zögere nicht! Werde aktiv!
Titel der Übung: Advocacy – Self-Advocacy
Kenncode der Übung: A4.2
Dauer der Übung 20-30 Minuten
Art des Materials Arbeitsblatt
Ziel der Übung In dieser Übung geht es darum, Advocacy / Fürsprache anhand realistischer Situationen durchzuspielen. Junge Menschen können sich auf diese Weise mit dem Ansatz vertraut machen und Advocacy-Strategien erarbeiten.
Benötigte Materialien für die Übung
  • Materialien für Notizen, einen Stift,
  • ein digitales Gerät, z. B. Computer, Laptop oder Smartphone, Internet für die Brainstorming-Phase,
Schritt-für-Schritt-Anleitung Schritt 1: Die Szenarien

Lies dir die folgenden Szenarien durch:

Szenario 1

Du hast ein Vorstellungsgespräch für deinen Traumjob, aber es gibt ein Problem. Du bist 19 Jahre alt und leider ist auf diese Stelle noch nie jemand unter 21 Jahren eingestellt worden.

Was unternimmst du, um deinen Traumjob dennoch zu bekommen? Wie vertrittst du deine Interessen?

Szenario 2

Die örtliche familiengeführte Bäckerei wird vom Vermieter unter Druck gesetzt, ihr Geschäft an eine große Firma zu verkaufen. Die Firma ist bereit, sowohl der Bäckerei als auch dem Vermieter eine Menge Geld zu zahlen. Aber die Familie will die Bäckerei nicht verkaufen. Wie kannst du dich für die Interessen der Bäckereifamilie einsetzen?

Schritt 2: Das Ziel
Nimm dir jetzt für jedes Szenario ein Blatt Papier und notiere die Antworten auf die folgenden Fragen:

  • Was sind die Bedürfnisse der einzelnen Parteien oder Personen?
  • Was ist das Ziel, dass jede Partei erreichen will?

Schritt 3: Der Plan
Denke nun über mögliche Pläne für jedes Szenario nach und notiere die Antworten auf die folgende Frage auf dem jeweiligen Blatt Papier:

  • Welche genauen Informationen brauchst du, um die Interessenvertretung in den Szenarien zu planen? Was musst du genau wissen?

Schritt 4: Die Verhandlung
Im nächsten Schritt geht es nun um die Planung der Argumente und auch der Art und Weise der Interessenvertretung.

Setze deine Notizen fort und überlege:

  • Wer sind die Menschen/Institutionen usw., bei denen du dich für die Interessen der Parteien aus den Szenarien einsetzen kannst?
  • Wie kannst du dich für die Interessen der Parteien einsetzen (die Art und Weise)?

Beachte dabei die folgenden Dinge:

  • Es gibt Unterschiede zwischen Self-Advocacy (Selbstvertretung) und Advocacy (Interessenvertretung anderer Gruppen).
  • Es kann schwierig sein, mit einer begrenzten Menge an Informationen die Interessenvertretung für jemanden zu übernehmen.
  • Du kannst nicht die Expertin*der Experte für alle Themen sein.
  • Es ist in Ordnung, wenn du es nicht schaffst, alle Ziele zu erreichen. Durch Übung wird es aber leichter.
  • Überleg dir, was schwieriger ist: im Namen einer anderen Gruppe zu sprechen oder im eigenen Namen? Warum?
  • Manchmal braucht es viel Planung und Recherche, vor allem dann, wenn wir uns für andere Gruppen oder ein uns eher unbekanntes Thema einsetzen.

[Diese Übung ist vomI´m a leader –toolkit“ (eng. für „Ich bin ein Anführer*eine Anführerin“) inspiriert und an das DARE Projekt angepasst (LVCIL, N/A)]

Übung 4.3

Titel des Moduls Modul 4: Zögere nicht! Werde aktiv!
Titel der Übung: Fürsprache üben!
Kenncode der Übung: A4.3
Dauer der Übung 40-50 Minuten
Art des Materials Arbeitsblatt
Ziel der Übung Das Ziel dieser Übung ist es, junge Menschen dabei zu unterstützen, ihre Fähigkeiten als Fürsprecher*innen und Verbündete zu üben und sich mit den Herausforderungen auseinanderzusetzen, mit denen Menschen mit Behinderungen in ihrem Alltag konfrontiert sind.
Benötigte Materialien für die Übung
  • Materialien für Notizen; Stift;
  • digitales Gerät, z. B. Computer, Laptop, Smartphone; Internetzugang.
Schritt-für-Schritt-Anleitung Schritt 1:

Was sind deiner Meinung nach wichtigste Herausforderungen und Barrieren, mit denen behinderte Menschen konfrontiert sind? Mache dir Notizen.

Schritt 2:

Wählen nun aus der Liste fünf der Herausforderungen oder Barrieren aus, die deiner Meinung große gesellschaftliche Bedeutung haben und schreibe sie untereinander auf:

(1)_______________________________________

(2)_______________________________________

(3)_______________________________________

(4)_______________________________________

(5)_______________________________________

Schritt 3:

Schau dir die fünf durch dich gewählten Herausforderungen/Barrieren an und identifiziere mögliche Ursachen und Gründe. Versuch jeden der 5 Aspekte aus verschiedenen Perspektiven und Blickwinkeln zu betrachten, z. B.:

  • Welche Einstellungen stehen dahinter?
  • Welche Gesetze können damit verbunden sein?
  • Welche gesellschaftlichen Ziele werden verfolgt?
  • Können religiöse/kulturelle Ursachen identifiziert werden?
  • Besteht ein politisches Interesse?
  • Wie sieht die Situation für Einzelpersonen und wie für Familien aus?
  • Welche Perspektiven/Blickwinkel könnten noch wichtig sein?

Schritt 4:

Schau dir nun die Liste mit den Ursachen/Gründen an, die du für jede Herausforderung identifiziert hast. Welche scheinen dir am wichtigsten/bedeutendsten zu sein?

Markiere diese!

Schritt 5:

Schauen wir nun auf deine möglichen (oder vielleicht auch schon begonnenen) Aktivitäten im Bereich Advocacy/Interessenvertretung.

  • Mit welcher der identifizierten Herausforderungen möchtest du dich beschäftigen (oder beschäftigst du dich schon), um Dinge zu verändern? Wie?
  • Thematisierst du auch die zugrunde liegenden Ursachen/Gründe, die du identifiziert hast? Wie?
  • Welche der identifizierten Herausforderungen werden von dir nicht direkt bearbeitet?
  • Welche Herausforderungen sind deiner Meinung nach schwieriger zu bewältigen? Warum?
  • Gibt es Menschen, die du in deine Arbeit einbeziehen solltest?

Schritt 6:

Recherchiere in deiner Gemeinde/Gemeinschaft/Nachbarschaft usw., ob es bereits Gruppen gibt, die sich mit einer derselben Herausforderungen beschäftigen, die du für dich als wichtige Herausforderung identifiziert hast.

  • Wie arbeiten sie und was machen sie?
  • Gibt es die Möglichkeit, dass du mit ihnen Kontakt aufnimmst und ihr über gemeinsame Pläne nachdenkt?

Hierbei können folgende Fragen hilfreich sein:

  • Habt ihr die gleichen Ziele?
  • Wie könnt ihr eure Aktivitäten gegenseitig ergänzen und unterstützen?
  • Was könnt ihr in die Zusammenarbeit einbringen?
  • Was ist der Mehrwert/Gewinn der Zusammenarbeit für euch und die anderen?
  • Wo könnte es Probleme/Konflikte in der Zusammenarbeit geben?

Natürlich ist es gut, wenn Menschen Verbündete haben, die sie begleiten und unterstützen. Und nicht jede Herausforderung braucht große Aktivitäten. Manchmal reicht es auch, bei einem Behördengang begleitend zur Seite zu stehen.

Aber es gibt auch die großen Herausforderungen, und manchmal ist man gemeinsam stärker, somit ist es sinnvoll, Menschen für die eigene Sache zu gewinnen oder sich bereits aktiven Gruppen/Organisationen usw. anzuschließen.

[Diese Übung ist vom „I´m a leader –toolkit“ (eng. für „Ich bin ein Anführer*eine Anführerin“) inspiriert und an das DARE Projekt angepasst (LVCIL, N/A)]

Zusätzliche Lernressourcen
Material 4.1

Titel des Moduls Zögere nicht! Werde aktiv!
Titel des Materials: Die Kampagnen der Aktion Mensch
Kenncode des Materials: R4.1
Einführung in das Material: Aktion Mensch verfolgt das Ziel einer inklusiven Gesellschaft und vertritt die Interessen behinderter Menschen in Deutschland. Neben der Förderung verschiedener Projekte teilt und veröffentlicht Aktion Mensch viele wichtige Informationen, die Menschen mit Behinderungen, ihre Familien und Verbündeten unterstützen.
Um über Inklusion zu sprechen und für die Rechte und Situationen behinderter Menschen zu sensibilisieren, führt Aktion Mensch verschiedene Kampagnen durch.
Was bringt dir das Material? Lernende können einen Eindruck von erfolgreicher Kampagnenarbeit gewinnen und gleichzeitig in den verschiedenen Kampagnenvideos viel Neues erfahren.
Link zum Material: Webseite: Die Kampagnen der Aktion Mensch (Aktion Mensch, N/A)

Material 4.2

Titel des Moduls Zögere nicht! Werde aktiv!
Titel des Materials: Youth Advocacy Toolkit (Werkzeugkiste für Jugendliche Interessenvertreter*innen)

Englischsprachiges Material

Kenncode des Materials: R4.2
Einführung in das Material: Dieses Toolkit ist für alle jungen Menschen, die ihre eigene Advocacy-Kampagne starten wollen. Es widmet sich dem Thema Kinderrechte und ist eine Anleitung, junge Menschen in Veränderungsprozesse zu engagieren.
Was bringt dir das Material? Die Lernenden können das Toolkit durcharbeiten und einen Aktionsplan für ihre Advocacy-Kampagne erstellen. Dabei erlernen sie Konzepte der Kampagnenentwicklung.
Link zum Material: Englischsprachige Publikation: Youth Advocacy Toolkit (Unicef, 2010)

Material 4.3

Titel des Moduls Zögere nicht! Werde aktiv!
Titel des Materials: Selbst zu Wort kommen!
Kenncode des Materials: R4.3
Einführung in das Material: In verschiedenen Videos sprechen Selbstvertreterinnen und Selbstvertreter kurz und knackig, warum sie sich einsetzen.
Was bringt dir das Material? Es ist immer gut zu wissen, was andere Menschen antreibt, warum sie aktiv sind und sich engagieren. Die verschiedenen inspirierenden Geschichten können andere Menschen zu mehr Engagement motivieren.
Link zum Material: Videos: Selbst zu Wort kommen! (Lebenshilfe, N/A)

Material 4.4

Titel des Moduls Zögere nicht! Werde aktiv!
Titel des Materials: Tipps für Medien und Medienschaffende
Kenncode des Materials: R4.4
Einführung in das Material: Medienschaffende und Redaktionen erhalten hier viele Informationen, um Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderungen abzubauen und Begegnungen zwischen nicht behinderten und behinderten Menschen zu schaffen. Dabei erfolgt ein kritischer Blick auf die Medien, aber es werden auch Formulierungsalternativen geteilt und ein Perspektivwechsel in der Berichterstattung angeregt.
Was bringt dir das Material? In den verschiedenen Kategorien gibt es Tipps für die Vorbereitung von Medienbeiträgen. Die Lernenden erfahren mehr zu Begriffen über Behinderung, können Leitfäden und gelungene Beiträge einsehen und vieles mehr, dass auch für Advocacy-Aktionen nützlich sein kann.
Link zum Material: Webseite: Tipps für Medien (Leidmedien, N/A)

Material 4.5

Titel des Moduls Zögere nicht! Werde aktiv!
Titel des Materials: Online-Handbuch Inklusion als Menschenrecht
Kenncode des Materials: R4.5
Einführung in das Material: Das Online-Handbuch “Inklusion als Menschenrecht” richtet den Blick auf die Menschenrechte behinderter Menschen und ihre gesellschaftliche Teilhabe. Die Zeitleiste ermöglicht es, Informationen zu den verschiedenen Epochen, dazugehörige Biografien und Gesetzen zu recherchieren.
Was bringt dir das Material? Die Lernenden können einen Einblick in die Lebenssituation und die rechtliche Stellung von Menschen mit Behinderungen in der Geschichte bis heute bekommen und können viele Informationen zu Inklusion, Behinderung usw. recherchieren. Das kann sie in ihrer Rolle als Verbündete stärken.
Link zum Material: Online Handbuch: Inklusion als Menschenrecht (Deutsches Institut für Menschenrechte, 2021).

Literatur/Internetquellen

Aktion Mensch. N/A. Die Kampagnen der Aktion Mensch. [Online] Abgerufen 25. Januar 2021.

bidok. 2010. Was ist Selbstvertretung? [Online] Abgerufen 25. Januar 2021.

Council of Europe. 2016. Bookmarks. A manual for combating hate speech online through human right education. [Online] Abgerufen 25. Januar 2021.

Deutsches Institut für Menschenrechte. 2021. Online-Handbuch Inklusion als Menschenrecht. [Online] Abgerufen 25. Januar 2021.

Digitales DARE Handbuch für Empowerment. 2020. Was ist eine DARE Botschafterin, ein DARE Botschafter? [Online] Abgerufen 25. Januar 2021.

Inklumat. N/A. Self-Advocacy Movement. [Online] Abgerufen 25. Januar 2021.

Lebenshilfe. N/A. Selbst zu Wort kommen! [Online] Abgerufen 25. Januar 2021.

Leidmedien. 2017. Tapferkeit, Leid und Heldentum: Klischees in den Medien. [Online] Abgerufen 25. Januar 2021.

Leidmedien. N/A. Tipps für Medien. [Online] Abgerufen 25. Januar 2021.

LVCIL. N/A. I´m a leader toolbox. [Online] Abgerufen 25. Januar 2021.

UN-Behindertenrechtskonvention. N/A. [Online] Abgerufen 25. Januar 2021.

UNICEF. 2010. Youth Advocacy Toolkit. [Online] Abgerufen 25. Januar 2021.

VMI. 2017. What You Need to Know About Disability Rights Advocates. [Online] Abgerufen 25. Januar 2021.

Waliuya, W. (2010). Disability Rights Advocacy: An advocacy manual for disability rights activists. [Online] Abgerufen 25. Januar 2021.

Wikipedia. 2021. Advocacy. [Online] Abgerufen 25. Januar 2021

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